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Sommergedanke

Ein Ferienbrief an Gott

Lieber Gott,

Ich liebe es, wenn du mich leise besuchst, ohne Voranmeldung und ohne aufzugeben, wenn ich wieder grad keine Zeit habe. Hast du die Nachricht, die ich für dich unter meine Türe geschoben habe, gesehen? Ich habe sie extra dorthin gelegt, damit du sie bei deinem nächsten Besuch findest, weil ich ja dann ich in den Ferien bin.

Ich weiss, das Papier ist etwas zerknittert wegen meiner Tränen. Ich weine so oft vor lauter Ablehnung und Auflehnung und Bitterkeit und wegen meinen vielen unbeantworteten Fragen. Die Welt ist ein Chaos! Und du sagst nichts und bist einfach nicht da. Das ertrage ich nicht. Merkst du das? Wo bist du, wenn gar nichts mehr geht um uns herum?

In den Medien sehe ich die Bilder von desolaten Lagern und kriegsversehrten Ländern. Ich sehe welchen Schaden die Pandemie anrichtet und wie viele Leben sie fordert. Ich sehe die Elenden auf den Strassen dieser Welt auf der Suche nach einem besseren Leben. Ich sehe die vielen Flüchtlinge, die in Meer ertrunken sind. Ich sehe den Blick des mageren Kindes, das keine Zukunft hat und nicht mehr lächelt. Lieber Gott, wo bist Du? Was machst Du? Wie hältst du es aus, wenn du siehst, wie schlecht es unserer Welt geht? Ich selber schaue lieber weg. Oder könnte es sein, dass es Deine Augen sind, aus denen das Elend schreit?

Ich möchte dich nicht traurig machen. Darum schicke ich dir eine Karte aus meinen Ferien. Die ganze Familie hat unterschrieben. So erfährst du auch, wie glücklich wir sind unter deinem sonnendurchfluteten Himmel und neben dem rauschenden Wasser. Wie du am siebten Tag, so sitzen jetzt wir auf dem Berggipfel und bestaunen dein Werk. Wir finden es schön, aber wir zögern, wie du zu sagen, dass das es sehr gut sei. Unser jüngstes Kind meinte sogar, dass wahrscheinlich wir selber am achten Tag begonnen hätten, ein Chaos anzurichten. Da haben wir alle geschwiegen…

Bevor ich aufhöre, gestehe ich dir noch etwas: Was ich da auf dem zerknitterten Papier hingekritzelt und unter die Türe gelegt habe, ist auch ein Liebesbrief. Eine ziemlich späte Antwort auf deine Liebeserklärungen, die in meiner Bibel aufgeschrieben sind. Ich weiss es ja: Du weinst mit uns, wenn wir aus lauter Auflehnung und Nichtverstehen weinen. Du lächelst mit uns, wenn wir staunen. Du teilst unsere Freuden und Mühen und du wartest darauf, dass wir dich einladen, mit uns weiterzugehen.

Dank sei dir dafür, dass es dich gibt und dass du in jedem Augenblick mein Weggefährte sein willst. Ich wünsche dir einen guten Sommer und dass du dich ausruhst. Schliesslich haben wir dich weiter nötig. Und vergiss nicht: Damit du dich um uns kümmern kannst, musst du auch zu dir selber schauen und Kraft schöpfen für den nächsten Schulbeginn.

Nach einer Idee von Michel Wagner « Lettre de vacances à mon Seigneur »

Pasteure Carole Perez, übersetzt von Maria Zinsstag
 

Lesen oder wiederholen Sie die vorherigen Gedanken:
PDF :  Schneegloeckchen.pdf

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